Heimatbuch der Gemeinde Unterkirnach

Herr Bürgermeister Gerold Löffler hat uns dankenswerterweise erlaubt aus dem Heimatbuch der Gemende Unterkirnach von Klaus Maiwald u.a Auszüge zu veröffentlichen.

Decknlatt - Heimatbuch von Unterkirnach
Deckblatt des Heimatbuchs der Gemeinde Unterkirnach

Maria Tann im Wandel der Zeit: Von der Dold'schen Spinnerei zum Aussiedlerwohnheim

Zu den ersten Betrieben der beginnenden Industrialisierung im Kirnachtal gehörte auch die Wollspinnerei Dold & Schmidt in der Nähe des sog. „Schuhmacherhäusle”.

Die Baupläne der Villinger Tuchfabrikanten Dold & Schmidt1 wurden erstmals im Juni 1851 im Verkündigungsblatt bekannt gemacht. (23.6.) Sie hatten sich am 6. Juni 1851 an das Bezirksamt gewandt, weil mit der Stadt Villingen ein Streit um die Baugenehmigung entstanden war. Das Bürgermeisteramt Villingen hatte das Gesuch im Mai 1851 abgelehnt, weil es gegen das Forstgesetz verstieß. Danach mußten wegen Waldbrandgefahr 400 Fuß (120 m) Abstand zum Waldrand eingehalten werden, was aber an dieser Stelle nicht möglich war.

Die Fabrikanten legten nun in ihrem Schreiben dar, daß in einer Spinnerei nicht mit Feuer gearbeitet würde, also auch keine Gefahr davon ausging. Außerdem werde Tag und Nacht gearbeitet, es seien daher immer Menschen anwesend. Schließlich seien Fabrikanlagen mit Wasserkraft auf die Lage im Tal angewiesen und könnten sich den Standort nicht einfach aussuchen.
„Da wir nun aber zum coulanten Betneb unserer Tuchmanufaktur unumgänglich einer Wollspinnerei bedürfen, in dem wir durch den Mangel derselben gezwungen sind, die Wollen in einer Entfernung von 6 ja sogar 18 Stunden in württenbergischen Spinnereien mit erheblichem Zeit- und Kostenaufwand spinnen zu lassen, möchten wir es bei dem abschlägigen Bescheid nicht bewandt sein lassen.” Man solle doch auch bedenken, daß ein gewisser Schutz für die Industrie notwendig sei. „Hohe Regierung werde die Erlaubniß nicht versagen, die project. Anlage ins Werk zu setzen, da dadurch der Gemeinde Kürnach nicht allein eine Nahrungsquelle mehr eröffnet, sondern gering angeschlagen für Arbeitslohn und Auslagen eine Summe von 8-10.000 fl. jährlich im Lande bleiben wird, die eine lange Reihe von Jahren, wegen Mangel dieser Fabrikanlage, ins benachbarte Wirtembergische wandern müßte.”

Um den Villinger Sicherheitsinteressen entgegenzukommen, boten sie an, den gegen den Wald gerichteten Giebel ganz aus Stein zu errichten und das Wehr am Gewerbekanal so anzulegen, daß der städtischen Holzflößerei kein Hindernis im Wege stehe.

Nach einem Lokaltermin genehmigte das Bezirksamt die Baupläne am 14. Juli 1851 gegen den Willen der Stadt. Einzige Auflagen waren ein steinerner Giebel und die Anschaffung einer passenden Feuerspritze. (GLA 383/1940/19/150) 1852 wurde zur Vervollständigung des Betriebes die Spinnerei im Kirnachtal eingerichtet, ein zweistöckiges Fabrikgebäude, in dem bis 1882 die Wollspinnerei untergebracht war.
1854 berichtet jedoch der „Schwarzwälder”, daß in der Spinnerei von Dold & Schmidt mutmaßlich infolge Brandstiftung ein Brand ausbrach. Vielleicht sollte der „Beweis” erbracht werden, daß von der Spinnerei doch eine Gefahr für den Wald ausging.

Wieviele Arbeiter aus Unterkirnach vor 1870 bei Dold & Schmidt arbeiteten, war nicht festzustel­len; viele waren es sicher nicht. Um 1876/78 wohnten zumindest der Geschäftsführer Man­schott und dessen Sohn, der ebenfalls in der Spinnerei arbeitete, in Unterkirnach. Außer ihnen waren damals nur 3-4 nach Unterkirnach zugewanderte „Gewerbsgehilfen” in der Spinnerei beschäftigt. (GR, Umlagelisten) 1871/72 kam es zwischen der Gemeinde Unterkirnach und den Unternehmern Dold & Schmidt zu einer Kontroverse, nachdem endgültig die Gemarkung von Unterkirnach festgelegt worden war. Als die Gemeinde nun ihre Umlage- und Steuerforderungen für die Spinnerei im Kirnachtal stellte, weigerte sich Dold & Schmidt zunächst, die Forderungen anzuerkennen. Man einigte sich jedoch relativ schnell auf einen Vergleich, indem die Gemeinde das besteuerte Kapital von 13.000 auf 11.000 fl. senkte und Dold sich bereit erklärte, zur Krankenversorgung der Arbeiter beizutragen.
In einem Vertrag kamen beide Parteien 1873 überein, gemeinsam die erste Krankenversicherung für die Arbeiter der Spinnerei zu organisieren. Diese Versicherung ermöglichte es den Arbeitern, durch geringe Beiträge von mo­natlich 12 kr. bei Krankheit das Spital in Villingen kostenlos in Anspruch nehmen zu können. Die Gemeinde trug dazu mit einem Anteil von 10 fl./ 17,40 M pro Jahr bei, die von den Umlagen der Gebrüder Dold abgezogen wur­den. Eventuell auftretende höhere Kosten übernahm Dold & Schmidt2. Nach 1877 schloss die Gemeinde für die zahlreichen auswärtigen Gewerbsgehilfen, vor allem in der Orchestrion-Industrie, einen Vertrag mit dem Vöhrenbacher Krankenhaus ab.
1882 wird berichtet, die Gebrüder Dold hätten sich entschlossen, ihr Tuchfabrikationsgeschäft weiter einzuschränken, obwohl ihre Erzeugnisse sich eines guten Rufes erfreuten. Sie boten die Tuchfabrik am oberen Wasser in Villingen mit einer 10 PS- und die Spinnerei bei der Ruine Kirneck mit einer 12 PS-Wasserkraftanlage zum Verkauf an, aber die Spinnerei fand keinen Liebhaber und wurde daher vorläufig zur Unterbringung der Tuchmacherei benutzt. (HONOLD, 1882-2)
Die Krise des Unternehmens bahnte sich allerdings schon 1872 beim Tod des Teilhabers Joh. Albert Dold an. Maria Anna Handtmann, seine Frau, erbte das Fabrikgebäude im Kirnachtal, seine 6 Kinder Heinrich, Anna, Albert, Viktor, Walburga und August erhielten Anteile am Villinger Besitz. Doch einige Jahre später trennte das Schicksal die Geschwister. Viktor wanderte als Kaufmann nach Kapstadt in Südafrika aus, August wurde Farmer in Missouri (USA), Albert starb vor 1887. Außer den Mädchen blieb nur Heinrich als Kaufmann in Villingen und führte die Ge­schäfte mit den Teilhabern Schmidt und Schneider weiter. Als 1887 seine Mutter starb, erbte er auch die nicht mehr besonders ertragreiche Fabrik im Kirnachtal. (GB 1872 u. 1887, S. 745) Besondere Bedeutung erlangte das Spinnereigebäude erst wieder, als es 1903 von dem Heidelberger Kaufmann Alois Jörger erworben und nach den Plänen des Schwenninger Architekten Geiger im Jugendstil aufwendig zu einem Kurhotel um- und ausgebaut wurde. Mit Türmchen, Balkons und Holzfachwerk versehen, verlor es das Erscheinungsbild einer Fabrik. An Stelle des Wasserrades wurde eine Turbine eingebaut und diese zur Licht- und Stromerzeugung für das ganze Anwesen verwendet.
Der Hauptbau des „Burghotels”, benannt nach der 1882 restaurierten Ruine Kirneck, wurde 1904 in Betrieb genommen, die kleineren Nebengebäude kamen nach und nach hinzu. Unter den Gebrüdern Ki­nast als neuen Pächtern wurde 1905 das Wirtschaftsgebäude, 1907 ein Block­haus („Waldschenke”) und die sog. „Villa”, 1909 eine Kegelbahn erbaut. Das 1880 nach einem Brand wieder aufgebaute Schuhmacherhäusle kam 1910 durch Ankauf hinzu; dort war der Stall für die Kutsch- und Reitpferde untergebracht.
Insgesamt waren die baulichen Veränderungen in den 16 Jahren des Hotelbetriebs gewaltig. Mit 42 Fremdenzimmern und 120 Betten hatte es für ein Kurhotel eine stattliche Größe. Der Ruf des Burghotels war so gut, dass sogar der Großherzog hin und wieder zu seinen Gästen zählte.
Prospekte aus jener Zeit zeigen außerdem, dass mit dem Burghotel auch der Fremdenverkehr im Kirnachtal begann. Bereits um 1910 gab es Werbeprospekte oder -karten von allen Gasthöfen und Hotels im „Luftkurort Unterkirnach”

Das Mutterhaus Maria Tann (1919-1967)

Nach der Niederlage Deutschlands im Jahre 1918 kamen deutsche Mitglieder des katholischen Ordens „Brüder der christlichen Schulen” wie eine herrenlose Herde nach Waldernbach im Westerwald, wo für ein Jahr ihr Mutterhaus sein sollte. Die einen waren aus Belgien, Frankreich oder Palästina ausgewiesen worden, die andern kamen von der Front und tauschten nun den feldgrauen Waffenrock gegen das schwarze Ordenskleid.
Sie alle wollten im Geiste des Ordensgründers Johannes von Lasalle (1651-1719) einen neuen deutschen Ordensdistrikt aufbauen. Johannes von Lasalle, im Jahre 1900 heiliggesprochen, war Priester und Domherr von Reims gewesen. Er gründete Armenschulen, ein Lehrerseminar und Besserungsanstalten für jugendliche Sträflinge und Schwererziehbare. Inzwischen hatte der Orden seine Tätigkeit so weit ausgedehnt, dass 1914 sogar eine Missionsstation auf Neupommern in der Südsee3 eröffnet wurde.
Das St. Josefshaus in Waldernbach verfügte weder über elektrisches Licht noch über fließend Wasser, es konnte daher nur eine Notlösung sein. Da bot Anfang Juni 1919 der damalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Kuno Jörger, den Schulbrüdern das Burghotel in Unterkirnach an. Der Geistliche Kuno Jörger war einer von drei Söhnen des Eigentümers Alois Jörger, die beiden übrigen waren im Weltkrieg gefallen. Der Familie war sehr am Verkauf des Anwesens gelegen, denn der Vater war schon 70 Jahre alt und eine Verpachtung wurde auf Grund der familiären Situation nicht mehr angestrebt.
In seinem Schreiben schilderte er das Burghotel etwa folgendermaßen: „Das Kurhaus ist von der Station Kirnach-Villingen in ca. 20 Min. auf guter Landstraße durch städtische Tannenwaldungen in dem anmutigen Tal der Kirnach zu erreichen. Von der Schnellzugstation Villingen beträgt die Entfernung 1 Std. Es ist ein herrlich gelegenes großes Kurhaus mit etwa 5 ha Wiesen- und Waldgelände, sowie Ökonomie- und Stallgebäuden. Das Fischrecht in der Kirnach gehört dem Hotel. Die Wasserkraft ist ausreichend zur Erzeugung des Lichtes an Ort und Stelle. Das eigene, eisenhaltige Quellwasser ist von so vorzüglicher Beschaffenheit, dass von Seiten des behördlichen Untersuchungsamtes angeraten wurde, das Wasser als Tafelgetränk zum Versand zu bringen. Hiermit könnte ein gewinnbringender Nebenbetrieb geschaffen werden.
Das Hotel besteht aus einem 3-stöckigen Hauptgebäude mit etwa 40 Zimmern und einem gut eingerichteten Badehaus; einem Saalgebäude mit großem Speisesaal, 4 kleineren Sälen und der Küche mit Vorratsräumen und Kellern; einer Doppelvilla mit etwa 20 Zimmern; kleinere Nebengebäude sind ein Blockhaus mit Kegelbahn, genannt „Waldschenke”, ferner 3 Wirtschaftgebäude mit Stallung und Scheune nebst Wagenremisen, darunter auch das „Schuhmacherhäusle”. Die ganze Inneneinrichtung mit über 100 Betten wird auf über 200.000 RM geschätzt.” Nach einer Besichtigung wurde am 5. September 1919 der Kaufvertrag zwischen Alois Jörger und dem Caritasstift Freiburg im Rathaus Unterkirnach unterzeichnet und das Burghotel samt Inventar für 330.000 RM verkauft. Das Caritasstift war auf Grund der unsicheren Ordenssituation als Käufer eingetreten, die Übernahme des Anwesens zur Benutzung und Bewirtschaftung erfolgte durch einen Pachtvertrag mit dem Verein „Mutterhaus Maria Tann”. 1929 ging das Anwesen schließlich in das Eigentum des Mutterhauses über.
Der Hotelbetrieb wurde bis zum 15. Sept. 1919 aufrechterhalten. An diesem Tag kamen 6 Ordensbrüder im Hotel an, um es einigermaßen klösterlich einzurichten. Gleich am 16. September wurde mit dem Verkauf des Silbergeschirrs, der zu kostbaren Möbel und anderer, nicht mehr benötigter Hoteleinrichtung begonnen. Die Bilanz von 270.000 RM nach einwöchigem Verkauf war recht erfreulich.
Dann ging man daran, größere Räume zu schaffen und einzurichten. Um mehr Licht zu erhalten, wurden auch die Balkons zu beiden Seiten des Hotelbaues abgebrochen. Der Speisesaal wurde in eine Kapelle verwandelt. Das Blockhaus war anfangs als Schlafstätte eingerichtet. Bereits am 8. November zog eine Gruppe von 33 Personen im neuen Kloster ein, das man „Maria Tann” nannte. Am 16. Dezember kamen noch 6 Novizen hinzu.
In der oberen Villa begann der in Waldernbach neu gegründete Schulbrüderverlag seine Tätigkeit, der das alleinige Recht für die Literatur über die hl. Theresia in deutscher Sprache besaß; die Kellerräume dienten als Magazin.
Zu Beginn des Jahres 1920 zählte die sogenannte Gemeinde 13 Brüder, das Noviziat etwa 20 Novizen, das Scholastikat 13 Studenten und das Juvenat 10 Jungen. Man musste an einen Erweiterungsbau denken. Östlich des Hauptgebäudes wurde daher ein Kapellen- und Schulbau errichtet und am 25. Okt. 1922 eingeweiht.
1924 erhielt Maria Tann die staatliche Genehmigung für ein 6-klassiges Seminar. Um später den neuen Anforderungen der Lehrerbildung zu entsprechen, wurde im Jahre 1926 das Seminar in ein Realgymnasium umgewandelt. Ab Ostern 1932 wurde auch eine Missionsabteilung gegründet. Im Jahre 1922 war in der oberen Wiese ein Park angelegt und dort ein Denkmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Brüder des Distriktes, eine Pieta und eine Herz-Jesu-Statue errichtet worden. 1923 malten Beuroner Benediktiner-Brüder die Kapelle aus. Ein Schmuckstück dieser Kapelle war eine Statue der hl. Theresia vom Kinde Jesu, ein Geschenk einer Schwester aus dem Karmel zu Lisieux.
Im Sommer 1922 musste erstmals das Staubecken für die elektrische Anlage erweitert werden, desgleichen 1932. Alljährlich musste das Staubecken auch vom abgelagerten Sand und Schlamm gereinigt werden. Im Jahre 1952 wurde es noch einmal ausgebaggert. Ab 1953, als der elektrische Anschluss an das Ortsnetz durchgeführt war, diente es nur noch als Schwimmbecken für die Bewohner des Klosters.
1924 wurde östlich der Waldschenke ein Ökonomiegebäude errichtet. Die Waldschenke selbst wurde 1956 bis auf die stabilen Grundmauern abgebrochen und als Wohnhaus für die Landwirtsfamilie neu erbaut. Ebenfalls 1924 wurden im Schulbau neue Badeeinrichtungen in Betrieb genommen; die alten waren notdürftig im Badehaus des ehemaligen Hotels untergebracht.

Im Jahre 1925 waren die Pionierarbeiten beendet. Die Entwicklung von Maria Tann war außerordentlich schnell vorangeschritten. Wieder einmal waren die Räumlichkeiten zu eng geworden. Im Frühjahr 1925 begann man mit dem Ausheben der Fundamente für ein neues Gebäude, was harte Steinbrucharbeit bedeutete, denn es musste viel gesprengt werden. Bereits im September war der „Juvenatsbau” dann unter Dach und damit Platz für einen Speisesaal, Theatersaal und zwei große Schlafsäle geschaffen.
1929 wurde auf der unteren großen Wiese ein Fußballplatz mit einigen Recks und einer Sprunggrube angelegt, 1965 wurde der Fußballplatz planiert. 1932 legten Brüder und Juvenisten mit vereinten Kräften jenseits der Kirnach eine Kegelbahn an.
Inzwischen hatte auch der Tod an die Pforten von Maria Tann geklopft. Fünf Brüder waren auf dem Bergfriedhof in Unterkirnach beerdigt worden. Nach langem Ersuchen bei den Behörden wurde dem Kloster 1926 im nahen Waldgelände eine eigene Begräbnisstätte genehmigt. Am 2. Mai 1927 wurden die fünf Brüder in aller Stille exhumiert und auf dem Waldfriedhof beigesetzt. 1965 wurde der Friedhof auf die doppelte Größe (2 ar) erweitert. Während der Blütezeit von 1925 bis 1935 hatte das Juvenat einen raschen Aufschwung genommen. Im Sommer des Jahres 1933 erreichte es seine Höchstbelegschaft mit 148 Schülern. Um dieselbe Zeit zählte das Scholastikat 25 Studenten. Mit den 40 Brüdern der Gemeinde, den 8 Lehrern des Scholastikats und den 14 Brüdern des Juvenats hatte Maria Tann im Jahre 1933 eine Belegschaft von 235 Personen.

Die Maria Tanner Chronik von 1935 bis 1945 wurde, wie anderswo auch, von den Auswirkun­gen des Naziregimes und des Krieges überschattet, die zur Einstellung des Schul- und Klosterbetriebs führten. Hierzu gehörten die Naziverfolgungen mit Schließung der Schule und Drosselung des Ordensnachwuchses, der Reichsarbeitsdienst (RAD) und die allgemeine Wehrpflicht, die Dienstverpflichtungen und die Beschlagnahme des Hauses.
Durch ein Gesetz vom 1.12.1936 wurde die Hitlerjugend (HJ) zur Reichsjugend erklärt, und jeder deutsche Junge sollte Mitglied der HJ sein. Doch schon 1935 hatten die Nazis erkannt, dass die HJ in den Klosterschulen wenig Anklang fand. Ihr Einfluss musste daher ausgeschaltet werden. In einem ersten Erlass wurde den Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes verboten, ihre Kinder in klösterliche Schulen zu schicken. So mussten einige Eltern ihren Sohn von Maria Tann wegnehmen. Ein zweiter Erlass verbot einem arbeitsfähigen „Volksgenossen” den Eintritt ins Kloster, weil er dadurch dem Arbeitsprozess entzogen würde.
Nachdem 1933 die Höchstzahl der Juvenisten erreicht war, nahm sie nun jedes Jahr mehr ab: 1939 waren es nur noch 9 Schüler, die am 4. September ihre Ferien antraten ohne zurückzukehren. Damit war das Juvenat geschlossen. Wenngleich auch die Zahl der Scholastiker vorerst noch anstieg, so sank sie aber doch bald, einerseits durch mangelnden Nachwuchs von Juvenat und Noviziat, andererseits durch Einberufung zum RAD oder Wehrdienst. Die allgemeine Wehrpflicht war am 16.3.1935 eingeführt worden. Um diese Zeit begannen mehrere Brüder auszuwandern. Ende 1938 waren 11 Scholastiker beim RAD und 18 beim Wehrdienst. Ende 1940 waren noch 5 Scholastiker zu betreuen, die 1941 ebenfalls einberufen wurden und das Scholastikat gänzlich leerten.
Nach den Einberufungen ging man zur Dienstverpflichtung der älteren Jahrgänge über. Mit der Zeit wurden 7 Brüder zu Arbeitsstellen in Villingen und Unterkirnach verpflichtet. Gegen Kriegsende mussten 5 Brüder zum Schanzen ins Elsass, und kurz vor Kriegsende rückten noch 4 Brüder zum Volkssturm ein.
Nur noch einige ältere Brüder befanden sich im Mutterhaus. Doch auch darauf hatte die Partei schon bald ein Auge geworfen und beschlagnahmte Maria Tann zuerst zu Lazarettzwecken, wozu es kaum benutzt wurde, dann als Mittelstelle für Umgesiedelte.
1941 kamen 260 Volksdeutsche aus Siebenbürgen in die beiden Neubauten. Sie wurden 1942 von 260 Slowenen abgelöst. Diese blieben bis Kriegsende. Die NS-Lagerverwaltung belegte mit der Zeit einen Großteil des Altbaues, so dass die alten Brüder auf engstem Raum zusammenleben mussten.
Nach dem Weggang der Slowenen, deren Zahl zum Schluss bei erbärmlichsten Lebensbedingungen bis auf 500 angestiegen war, wohnten noch 12 Brüder in Maria Tann. Nach und nach trafen die Einberufenen ein, so dass im August 1945 wieder 31 Brüder gezählt wurden. Doch es blieben große Lücken. Von den 36 gefallenen und vermissten Brüdern des deutschen Ordensdistriktes gehörten 12 der Klostergemeinde und 8 dem Scholastikat von Maria Tann an. Ordensnachwuchs gab es nicht, daher wurde beschlossen, Maria Tann in ein Privatlehrerseminar umzuwandeln. Nach schier endlosen Verhandlungen mit der französischen Militärregierung konnte das Seminar am 9. Januar 1946 eröffnet werden. Das nächste schwerwiegende Problem war die Ernährung. Mit Hilfe der Eltern von Seminaristen, der Caritassammlungen und besonders des tatkräftigen Einsatzes der Seminaristen selbst auf dem landwirtschaftlichen Gut Ankenbuck bei Bad Dürrheim konnte die Hungerperiode überstanden werden.
Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 begann ein fast normaler Lehrbetrieb. In den acht Jahren, in denen das Seminar bestand, erhielten rund 80 Lehrer eine christliche Erziehung. Leider führten finanzielle Nöte zur Einstellung des Seminars und zur erneuten Umwandlung in eine Aufbauschule, obwohl das Ordinariat später dringend um Wiedereröffnung des Seminars bat. Doch es blieb bei der getroffenen Entscheidung. So wurde an Ostern 1950 die Aufbauschule mit Juvenat eröffnet, während bis 1953 parallel das Seminar auslief. Da sich jedoch dieser Schultyp für Juvenisten als ungünstig herausstellte, wurde das Juvenat 1962 nach Illertissen verlegt. Mit Blick auf die Zukunft entstand eine moderne Turn- und Mehrzweckhalle, die am 4. März 1963 eingeweiht wurde. Auch die Kapelle bekam durch die Anpassung an die veränderte Liturgie ein neues Gesicht. 1966 besuchten 98 Internatsschüler das dreistufige, mathematisch-naturwis­senschaft­liche Aufbau-Progymnasium in Unterkirnach, doch noch im selben Jahr wurde auch das nach dem Kriege erst allmählich wieder aufgelebte Noviziat nach Laubegg in Österreich umgesiedelt. Damit war für Maria Tann der Zeitpunkt gekommen, an dem es aufhörte, Bildungshaus für den Ordensnachwuchs zu sein. Im deutschen Ordensdistrikt war kaum Nachwuchs vorhanden, deshalb musste ein Haus geschlossen werden. So endete mit den letzten beiden Klassen am 20. Juli 1967 nicht nur das Schuljahr, sondern auch die Aufbauschule Maria Tann. (zusammengefasst nach einem Text von Br. Benedikt Schu)

Maria Tann bleibt Bildungsstätte

Nachfolger des Schulbrüderordens in Maria Tann wurde 1968 die Schwarzwaldschule Triberg, die in Unterkirnach ein Progymnasium mit Internat einrichtete. So erfüllte sich der Wunsch des „Klosterchronisten”" Bruder Benedikt Schu, Maria Tann möge Bildungsstätte bleiben. Doch der Schule war kein allzu langes Dasein beschieden. Schon bald geriet die von katholischer und evangelischer Kirche getragene Schwarzwaldschule in finanzielle Schwierigkeiten, weshalb sie das Land Baden-Württemberg als öffentliche Schule übernahm - leider ohne die Filiale Maria Tann. Als die Schulleitung im Juli 1974 die überraschten Eltern der 175 Schüler (60 Internatsschüler, 80 Tagesheimschüler, 35 „Externe” aus Unterkirnach) über das Ende der Bildungsstätte im Juli 1975 unterrichtete, wurden Protest und Enttäuschung laut, doch die Schließung konnte nicht verhindert werden.
Nach einer Phase der Ungewissheit unterzeichnete schließlich das Land Baden-Württemberg einen Pachtvertrag, und ab Januar 1976 wurde in Unterkirnach eine Außenstelle der Landespolizeischule Freiburg mit 150-180 Lehrgangs­plätzen eingerichtet, um junge Polizeibeamte zu Polizeimeistern auszubilden. Die steigende Zahl der Beamten im mittleren Polizeivollzugsdienst machte eine Erweiterung der Landespolizeischule Freiburg notwendig.
Ab Herbst 1979 richtete man schließlich in Maria Tann die Fachhochschule für Polizei ein und bildete Beamte für den gehobenen Dienst aus.
Doch ein Ende der Nutzung durch das Land war abzusehen, denn die Gebäude der neuen Polizeifachhochschule in Schwenningen konnten mit dem Ende des Pachtvertrags 1986 be­zogen werden.
Wieder einmal war das Schicksal der Gebäude ungewiss, dies um so mehr, als die gesamte, um die Jahrhundertwende errichtete Anlage unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dazu die Begrün­dung des Landesdenkmalamtes: „Die Bausubstanz aus dieser Zeit ist weitestgehend erhalten, die Innenausstattung in repräsentativen Teilen, so dass wir hier eines der äußerst selten gewordenen Beispiele eines Kurhotels der Jahrhundertwende in seiner ursprünglichen und hier zudem noch recht aufwendigen Form vor uns haben; symptomatisch zeichnet sich hierin die Strukturwandlung des Schwarzwaldes hin zum Erholungs- und Urlaubsgebiet um diese Zeit ab. Baugeschichtlich wie auch künstlerisch sind die Gebäude ebenfalls von entscheidender Bedeutung, da sie als reine Fachwerkbauten den Jugendstil vertreten und, ein unerhörter Glücksfall, zudem noch reiche Innenausstattung wie Glasfenster mit Szenen des Landlebens, Lampen, Täfelungen, Türen u. ä. im Jugendstil enthalten.
Die nach Übernahme der Baulichkeiten durch die Schulbrüder im Jahre 1919 entstandenen Zubauten tasten den wertvollen Jugendstilbauzustand nicht an, sondern fügen sich harmonisch in den Bestand ein und erreichen dabei eine beachtenswerte Qualität. …
Die Wertigkeit dieses Kulturdenkmals ist derart hoch anzusetzen, dass eine Eintragung in das Denkmalbuch vorgenommen werden sollte.” Natürlich machte diese denkmalschützerische Maßnahme den Verkauf des Areals nicht einfacher. Doch durch die Vermittlung des Regierungspräsidiums Freiburg wurde es 1987 möglich, einen Käufer zu finden, der bereit ist, die altehrwürdigen Gebäude zu sanieren und mit neuem Leben zu erfüllen. So öffnete im Herbst 1987 eine private Wirtschaftsakademie ihre Pforten und wird in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Kurse und Seminare für die berufliche Fortbildung anbieten.
Es besteht daher begründete Hoffnung, dass Maria Tann nicht nur auf eine interessante Geschichte, sondern auch in eine gesicherte Zukunft blicken kann.


  1. Das Unternehmen wurde gegründet von Joh. Albert Dold, der sich 1832 als Tuchmacher in seiner Heimatstadt Villingen ansiedelte. 1835 gesellte sich Joh. Peter Schmidt aus Stollberg zu ihm. 1842 errichteten sie an der Brigach ein größeres Gebäude mit Wasserkraft zur Tuchherstellung. 1852 kam zur Vervollständigung des Betriebes die Spinnerei im Kirnachtal hinzu. Damit hatte das Unternehmen eine eigene Weberei, Spinnerei, Färberei, Walke und Appretur. Ende 1858 trat J.P. Schmidt als Teilhaber aus. Seine Stelle übernahm Joh. Alberts Bruder Franz Joseph Dold. Er scheint aber nicht lange beteiligt gewesen zu sein, denn um 1870 lautet der Firmenname in der Gemeinderechnung nicht mehr „Gebrüder Dold”, sonder wieder „Dold & Schmidt”.
    (Katalog der Gewerbe Ausstellung Villingen 1858) zur Textstelle
  2. GR 1876 RS. 60 u. Gemeindeakten (Vertrag vom 18.03.1873)zur Textstelle
  3. Insel im Bismarck-Archipel, nordöstl. von Neuguinea (seit 1920 Neu-Britannien)zur Textstelle