CHRONIK DER DEUTSCHEN ORDENSPROVINZ DER SCHULBRÜDER

Illlertissen 1981

J.B. de La Salle
Jean-Baptiste de la Salle (*30. April 1651 in Reims; † 7. April 1719 in Rouen) Gründer der Kongregation der Brüder der Christlichen Schulen. Gemälde von Pierre Léger aus dem Jahr 1734

Zum Geleit

1980/81 begingen die Schulbrüder das 300-jährige Bestehen ihrer Ordensgemeinschaft. 1680 versammelte der Ordensstifter Johannes Baptist de La Salle die ersten Lehrer in seinem Haus zu einer Lebens-, Lehr und Gebetsgemeinschaft. Bei seinem Tod 1719 hinterließ er in 27 Ordensniederlassungen 120 Brüder, die in 122 Schulklassen 9885 Schuler unterrichteten. Heute umfasst die Ordensgemeinschaft der Schulbrüder 11 000 Mitglieder, die in 1 200 Niederlassungen etwa 800 000 Schüler unterrichten. Die Ordensgemeinschaft teilt mit der Kirche das Auf und Ab ihres Bestandes. Die deutsche Ordensprovinz, deren Darstellungen diese Zeilen gewidmet sind, ist nur ein winzig kleiner Zweig des großen Organismus. Dreimal wurde an ihrem Aufbau gewirkt, 1850, 1919, 1945. Diese bescheidene Schrift soll ein kleiner Beitrag sein zur 300-Jahr-Feier des Ordens.

Bei der Abfassung des Beitrages Wadersloh war mir behilflich Br. Gerwich Blacha, des Abschnitts Ferner Osten Br. Peter Mendel, des Abschnitts Chile Br. Bernhard Zähringer, des Abschnitts Drachenburg Br. Theodulf Rave, des Abschnitts Bitburg Br. Albuin Koch. Die Archivalien stellte mir zur Verfügung Br. Benedikt Schu.

Im Herbst 1980 Br. Dr. Konradin Zähringer

Zweiter Anfang: 1919

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im ersten Weltkrieg kam das Zentrum als politische Representation der Katholiken in der Weimarer Republik stärker in die politische Führung. Dadurch wurden neue Konkordate mit Bayern (1924) , Preußen (1929) und Baden (1932) möglich, in denen auch die Fragen der religiösen Unterweisung vereinbart wurden. Das in Vorbereitung befindliche Reichskonkordat Hitlers wurde am 28.07.1933 abgeschlossen und von diesem zur Irreführung der öffentlichen Meinung inner- und außerhalb Deutschlands benutzt. Allerdings war die Täuschung nicht von langer Dauer. Schon bald setzte mit der Auflösung nicht nur der Zentrumspartei, sondern aller katholischen Organisationen der unerbittliche Kampf urn Sein oder Nichtsein ein, der in der Intention des Gewaltregimes nach dem Sieg im zweiten Weltkrieg zu einer Endlösung geführt werden sollte. Mit Hilfe eines Netzes scheinbar unzusammenhängender Anordnungen und Gesetze suchte das NS-Regirae jeden kirchlichen Einfluß aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Ordensschulen wurden zur Aufgabe gezwungen. Die Wirkung der gemeinsamen Leiden bewirkte eine bisher unerreichte Annäherung aller Christen untereinander, insbesondere die weitgehende überwindung des Konfessionsgegensatzes zwischen katholischen und protestantischen Christen.

Das katholisch-kirchliche Leben erfuhr in den Jahren 1919 bis 1933 eine neue Blüte. Das kirchliche Vereinswesen, kath. Jugendverbände, katholisches Schrifttum, Katholischer Volksverein, Katholikentage, Papstfeiern waren Zeugnis dieses katholischen Frühlings. Männer wie Karl Sonnenschein, Romano Guardini oder Kardinal Faulhaber wirkten wie Pole, die katholisches Leben anzogen und ausstrahlten.

Das Ja zum Staat von Weimar haben die Katholiken, wenn auch nicht einheitlich, so doch im Prinzip gesprochen. Die Liquidierung der Kulturkampfgesetze war ein besonderes Anliegen der Fuldaer Bischofskonferenz.

Hier muß auch die Jugendbewegung erwähnt werden. Das Bekenntnis zur Natur, zu einem starken Lebensgefühl der Reinheit, der Intellekte und der Selbsterhaltung, die Tatsache, daß junge Menschen im Wandern, in Diskussion, Gesang und Spiel jenseits etablierter Formen und Konventionen sich zusammenfanden, war ein Erlebnis, das für manchen auf Jahrzehnte seine Strahlkraft beibehielt. Quickborn und Neu-Deutschland haben jungen Menschen Weisung und Halt zu geben vermocht. Die politische Neuordnung schuf auch die Voraussetzung für eine Neugestaltung des Schul- und Bildungswesens. Es kam auf kulturellem Gebiet trotz wirtschaftlicher Not und politischem Zwist zu bedeutenden Leistungen, frei von staatlicher Bevormundung. Auch die deutsche Wissenschaft war mit Erfolg bemüht, ihr Internationales Ansehen zu wahren und auszubauen. Die Weimarer Verfassung legte u.a. auch einheitliche Grundsätze für Lehrerbildung und organischen Aufbau des Schulwesens, staatsbürgerliche Erziehung, Lehrpläne, Schulversuche (Arbeitsschule), Elternbeiräte, Mitverantwortung der Schüler, Gemeinschafts-und Bekenntnisschule im Prinzip fest. Allerdings gingen die Länder vielfach verschiedene Wege; dies nicht nur im Volksschulwesen, sondern vor allem auch im Mittelschulbereich. So gab es im Laufe der Jahre vierzig verschiedene Formen der mittleren und höheren Schulen, u.a. Aufbauschulen.

Was den Bereich der Privatschulen anging - und das war für die Orden wichtig - so gab es Entwicklungsmöglichkeiten ohne staatlichen Zwang, entweder mit staatlicher Billigung oder staatlicher Anerkennung. Das ist der Grund, warum in den zwanziger Jahren so manche klösterliche Schule erstand und sich entfalten konnte.Vor diesem Hintergrund und dieser kirchen und kulturpolitischen Entwicklung ist auch die Neugründung der deutschen Ordensprovinz der Schulbrüder zu sehen.

Maria-Tann" (Mutterhaus 1919 - 1969)

I. Ansiedlung

Waldernbach sollte nur ein Durchgangslager sein. Durch die Vermittlung des H. Prälaten Werthmann, Präsident des Caritasverbandes in Freiburg, wurde Br. Philippus das „Burg-Hotel” in Unterkirnach, 6 km westlich von Villingen im Schwarzwald, zum Kauf angeboten. Dieses Hotel umfaßte ein zweistöckiges Hauptgebäude mit etwa 40 Fremdenzimmern, ein Saalgebäude, eine Doppelvilla mit etwa 20 Zimmern; das sogenannte „Schuhmacherhäusle” ein Blockhaus, „Waldschenke” genannt, mit Kegelbahn; einige Wirtschaftsgebäude und Scheunen. Eine eigene Quelle spendete schmackhaftes, eisenhaltiges Tafelwasser (sie wurde im Jahre 1934 neu gefaßt und im Jahre 1951 durch Br. Petrus gründlich überholt und ausgebessert). Im Jahre 1956 wurde die ganze Leitung durch eine Heilbronner Spezialfirma entkrustet. Die vorbeifließende Kirnach lieferte Licht- und Kraftstrom für das ganze Anwesen. Durch Kaufvertrag vom 05.09.1919 ging das Burg-Hotel vorerst für die Summe von 330 000 Papiermark vom Hotelbesitzer Alois Joerger auf die Caritasstiftung Freiburg über. Um diesen Ankauf zu ermöglichen, hatte Br. Philippus ein Darlehen von 204 000 Papiermark zu 4 % verzinslich ab 15.09.1919, vorgeschossen. Die Übernahme des Anwesens zu Benutzung und Bewirtschaftung erfolgte durch einen privaten Pachtvertrag vom 13.08.1920 auf den Namen Caritasstift GmbH mit dem Verein "Mutterhaus Maria-Tann". Im Jahre 1929 wurde das Kloster von der Caritasstiftung auf das Mutterhaus Maria-Tann umgeschrieben.

Mutterhaus Maria-Tann aus der Luft
Mutterhaus Maria-Tann Kirnach-Villungen (Baden) vom Flugzeug aus. Aufnahme vor 1930

Am 15.09.1919 war Br. Philippus mit fünf Brüdern im Hotel angekommnen, um es einigermaßen klösterlich einzurichten. Es war das Fest der „Schmerzhaften Mutter”, das aus diesem Anlaß zum Patrozinium der neuen Niederlassung wurde. Nach dem Verkauf des Silbergeschirrs und der zu kostbaren Möbel ging man daran, größere Raume zu schaffen für die Unterkunft der vier zu erwartenden Gruppen: Gemeinde, Scholastikat, Noviziat und Juvenat, insgesamt mehr als 40 Personen. Am 08.11. hielt der Haupttrupp mit 33 Personen seinen Einzug in Maria-Tann , und am 16.12. kam noch ein Nachschub von sechs Novizen.

Bereits am 22.11. war der große Speisesaal als provisorische Kapelle eingeweiht worden; Kaplan Karl Fischer war der erste Hausgeistliche. Am Weihnachtsfest 1919 wurde im Kirnachtal zum erstenmal eine Mitternachtsmesse gefeiert. Auch Auswärtige wurden in unserer Kapelle zugelassen; so blieb es auch in Zukunft.

Um diese Zeit wurde in der Leitung der Bildungsgruppen ein Wechsel vorgenommen: Br. Lambert Aue wurde Scholastikatsdirektor als Nachfolger von Br. Friedrich Burgun; Br. Josef Büttner wurde Novizendirektor als Nachfolger von Br. Franziskus Duhr: Br. Richard Frei wurde Juvenatsdirektor als Nachfolger von Br. Josef. Br. Philippus blieb weiter Provinzial und Generaldirektor. Im Juvenat sollten ursprünglich junge Leute, die nicht mehr schulpflichtig waren, für die Aufnahme in ein „Lehrerseminar” vorbereitet werden. Im letzten Jahr der Vorbereitung gingen die jungen Brüder, bis zum Abbau des Lehrerseminars im Jahre 1926, entweder nach Boppard oder ab Ostern 1922 nach Freiburg. Am 13.07.1924 erhielt Maria-Tann die staatliche Genehmigung für ein sechs-klassiges Seminar. Urn später der neuen Lehrerbildung zu entsprechen, wurde im Jahre 1926 das Seminar in ein Realgymnasium umgestellt. Ab Ostern 1932 wurde eine Missionsabteilung gegründet. Etwa 30 junge Brüder wurden fur die Mission im Fernen Osten vorbereitet.

Im Jahre 1922 war in der oberen Wiese ein Park angelegt worden; eine Pieta, ein Denkmal für die im Weltkrieg gefallenen Brüder des Distriktes, und eine Herz-Jesu-Statue wurden dort errichtet. Im Jahre 1923 wurde durch Beuroner Brüder die Kapelle ausgemalt. Ein Schmuckstück der Kapelle war eine Statue der hi. Theresia vom Kinds Jesu, ein Geschenk einer ihrer eigenen Schwestern aus dem Karmel zu Lisieux.

Verlagsgebäude von Maria-Tann
Verlagsgebäude von Maria-Tann. Aufnahme um 1988

In Maria-Tann wurde auch der am 01.04.1919 in Waldernbach gegründete "Verlag" untergebracht. Mit dem 01.04.1924 begann fur den Verlag ein neuer Abschnitt durch die Aufnahme in den „Deutschen Verlags- und Sortimentsbuchhandel”. Der Verlag besaß das alleinige Recht für die Theresienliteratur in deutscher Sprache, namentlich für die "Geschichte einer Seele". Leiter war seit Beginn Br. Michael Zimmer, sein unentwegter Mitarbeiter der "Kalendermann" Br. Ludwig Hoffarth, sowie Br. Hartfried Markisch.

Wahrend der schwierigen Zeiten der Inflation, in den Jahren 1921 - 24, gab es gute Leute, die den armen Brüdern über die Not hinüberhalfen. An erster Stelle dieser Wohltäter war die Försterfamilie Fischer auf Salvest; Herr und Frau Fischer wurden im Jahre 1922 unserer Kongregation affiliiert. Im Herbst 1924 gründete Br. Theodulf Rave die „Schulbrüder-Arbeitsgemeinschaft”. Diese hatte als Zweck die wissenschaftliche und schulische Fortbildung mit alljährlich einer Pädagogischen Tagung in Maria-Tann, im Anschluß an die Augustexerzitien, mit Referaten von geeigneten Brüdern, katholischen Schulmännern und Gelehrten. Bisweilen waren diese Tagungen verbunden mit Ausstellungen von Werkarbeit, Missionen, Zeichnungen von Schülern. Als ausführlicher Bericht der ersten Tagung im Jahre 1925 wurden in zwei Bänden die "Bausteine zur Christusschule" herausgegeben. Wegen der politischen Lage fiel ab dem Jahre 1936 die Tagung aus.

II. Blütezeit

Im Jahre 1925 waren die Pionierarbeiten beendet. Bislang hatte man in die Breite gearbeitet; nun hieß es Tiefenarbeit leisten. Diese Umstellung fiel zusammen mit dem Wechsel in der Distriktsleitung am 01.08.1925. Br. Roderich Zierl, bislang Direktor von Klein-Neudorf, war zum Provinzial ernannt worden. Br. Philippus blieb weiter Generaldirektor und wurde außerdem Distriktsprokurator.

Alter Speisesaal von Maria Tann
Speisesaal von Maria-Tann. Aufnahme um 1988

Die Entwicklung von Maria-Tann war außerordentlich schnell vorangeschritten. Br. Theodor Schniederkotter, seit 1923 Berufswerber, brachte manche Trupps von Juvenisten nach Maria-Tann; auch Postulanten meldeten sich weiter. Die Räumlichkeiten waren zu eng geworden. Im Fruhjahr 1925 begann man mit dem Ausheben der Fundamente; der Bau war im September bereits unter Dach. Somit war Platz geschaffen für einen Speisesaal, einen Theatersaal und zwei geräumige Schlafsäle. Inzwischen hatte der Tod Ernte gehalten und fünfmal an die Pforten von Maria-Tann geklopft. 1920 starb Br. Felix Kirchem, Musiklehrer, an Lungenentzündung; 1923 starb Br. Athimus Tuschik, der Gründer des Museums zu Grand-Halleux, eines plötzlichen Todes; 1924 starb Br. Lambert, Scholastikatsdirektor, ebenfalls an Lungenentzündung; 1925 starben zwei Brüder: Br. Johann Rosters, Bibliothekar, nach einer Operation an Wassersucht, und Br. Franziskus, langjähriger Novizendirektor, nach einer Operation an Lungenentzündung.

Diese Brüder waren auf dem Bergfriedhof zu Unterkirnach beerdigt worden. Nach langen Ersuchen bei der städtischen und der staatlichen Behörde in Villingen wurde dem Kloster im Jahre 1926 im Waldgelände 1 ar als Begräbnisstätte zugebilligt. Dieser Waldfriedhof wurde durch Br. Egbert Lauterbach mit einem schmiedeeisernen Gitter umgeben. Am 02.05.1927 wurden die fünf Brüder in aller Stille ausgegraben und in einem einzigen Grab auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Im Jahre 1965 wurde der Friedhof urn 1 ar vergrößert; das weitere Gitter wurde angefertigt durch unseren Schlosser H. Machate.

Waldfriedhof bei Maria Tann
Waldfriedhof bei Maria-Tann. Aufnahme um 1988

Am 01.01.1927 gab unser Verlag in zwangloser Folge ein "Nachrichten"-Blatt heraus, das den Freunden und Gönnern einen Einblick in das stille Wirken der Brüder geben sollte. Mit der November-Nummer 1936 ging diese Zeitschrift in den Wirren der Nazizeit ein. Nach dem zweiten Weltkrieg erschienen, zu dem selben Zweck, zuerst in einfacher Form, die „Nachrichten” von 1949 bis 1959, dann in besserer Aufmachung „Auf eigener Welle”, und schließlich ab 1968 wiederum „Nachrichten” im Kleinformat.

Ein bedeutendes Ereignis war am 11.05.1928 der Umzug des Noviziates mit etwa 20 Novizen von Maria-Tann nach Honnef, mit Br. Josef als Direktor. Die nun leer gewordenen Raume wurden durch das Scholastikat bezogen. Die Brüder des Scholastikats, die bisher zu den Übungen mit den Brüdern der Gemeinde zusammenkamen, bekamen ihr eigenes Lehrerzimmer.

Jenseits der Kirnach wurde mit der Zeit ein Spielplatz angelegt und im Jahre 1929 weiter ausgebaut. Eine vorläufige Holzbrücke, die mehrere Male erneuert werden mußte, wurde schließlich ersetzt durch eine stabile Betonbrücke im Jahre 1962. Der Spielplatz diente zugleich als Turnplatz. Im Jahre 1929 wurde auf der unteren großen Wiese ein Fußballplatz angelegt mit einigen Recks und einer 8 m langen Springgrube. Im Jahre 1965 wurde der Fußballplatz mit Planierraupe gründlich bearbeitet.

Im Jahre 1931 wurde auf dem Platz vor der Kapelle eine Josephs-Statue errichtet. Im Jahre 1932 hatten Brüder und Juvenisten mit vereinten Kräften jenseits der Kirnach eine Kegelbahn angelegt. Während der vier Jahre voller Entfaltung, in der Blütezeit von 1925 bis 1935, hatte das Juvenat einen raschen Aufschwung genommen unter der Leitung von Br. Direktor Gabriel Ottensmann. Im Sommer des Jahres 1933 hatte das Juvenat seine Höchstbelegschaft mit 148 Juvenisten erreicht. Urn dieselbe Zeit zählte das Scholastikat 25 Studenten unter der Leitung von Br. Direktor Anselm Hufnagel. Ihm folgte im Amt Br. Reinhold Felgenhauer von 1929 bis 1931, und diesem Br. Erminold Barthelmes. Mit den 40 Brüdern der Gemeinde, den Lehrern des Scholastikats und den 14 Brüdern des Juvenats, hatte Maria-Tann im Jahre 1933 eine Belegschaft von 210 Personen. Die Jahre von 1925 bis 1935 waren auch auf kulturellem Gebiet fur das Leben in Maria-Tann besonders fruchtbar.

Die drei Abteilungen: Juvenat, Scholastikat und Brudergemeinde waren gekennzeichnet durch ihren jugendlichen Schwung, der sich in alien Bereichen des klrchlichreligiösen und des profanen künstlerischen Lebens kundtat.

. So wurde großer Wert auf die Gottesdienstgestaltung gelegt. Auch die kleinen Festtage in der Woche wurden im Altarraum und in musikalischer Hinsicht herausgehoben. Auf der Orgel spielten damals: Br. Roderich, Br. Walter, Br. Rupert und Br. Innozenz.t Br. Rupert verstand besonders gut die Kunst der Improvisation. Ein Thema aus einem Lied oder einer Choralmelodie konnte er in freier Improvisation zu einer mehrstimmigen Fuge durchkomponieren.

Die liturgische Bewegung in Deutschland hatte auch im Mutterhaus Eingang gefunden, sie sorgte für aktivere Beteiligung und für mehr Abwechslung.

Besondere Erwähnung in der Chronik verdient der damalige Kirchenchor der bei weltlichen Feiern in der Aula mitwirkte und vor allem bei den Hochfesten des Kirchenjahres den Gottesdienst verschönerte. Dieser gemischte Chor bestand aus den Knabenstimmen des Juvenats und den Männerstimmen der Brüder. Das Besondere an diesem war, dass die Männerstimmen nicht in dem herkömmlichen Männerchorstil sangen, sondern in der schlanken Tonbildung eines Jugendchores. Das gab mit den Knabenstimmen zusammen eine homogene Klangschönheit. Die Dirigenten waren: Br. Erminold Barthelmes und Br. Alto Fabisch.

In den zwanziger Jahren hatte Br. Thomas Klein in emsiger Kleinarbeit eine Streichergruppe herangebildet, die dann in den dreißiger Jahren durch die Aufbauarbeit von Br. Rupert zu einem Orchester heranwuchs. Br. Rupert hatte in Bonn Musik und neue Sprachen studiert, er war ein ausgezeichneter, temperamentvoller Orchestererzieher und Dirigent. Unter seiner Leitung wurde das Orchester, das aus Brüdern und Juvenisten bestand, zu einem beachtlichen Klangkörper von ca. 30 Musikern, die nicht nur Haydn, Mozart und Beethoven ins Programm nahmen, sondern ebenso mit Chor und Solisten auch Oratorien, z.B. "Christnacht" von Haas aufführten. Ein öffentliches Konzert mit Chor und Orchester in der Tonhalle der Stadt Villingen musste im Jahre 1936 wegen des unerwarteten Todes von Br. Generaldirektor Philippus kurz fristig abgesagt werden.

Maria Tann, Kapelle
Kapelle von Maria-Tann. Weihnachten 1950

Besonders stimmungsvoll wurde das Weihnachtsfest gefeiert. Die Christmette um 24.00 Uhr wurde ein Anziehungspunkt auch für die Öffentlichkeit. Der Andrang war so groß, dass Platzkarten ausgegeben werden mussten, die am 1. Adventssonntag schon restlos vergriffen waren. Die Omnibusfirma Maier in Villingen richtete eigens dafür Busfahrten ein.

Hier sei kurz erwähnt, dass der Kontakt zur Bevölkerung der Umgebung immer herzlich war. Maria-Tann war das Kloster im Raum Villingens.

Mit besonderem Eifer wurden zur Weihnachtszeit in den einzelnen Abteilungen Krippen gebastelt, wobei es zu einem fairen Wettbewerb zwischen den Brüdern und den Juvenisten kam. Br. Berthold war als Krippenbauer weit und breit bekannt.

Ein ähnlicher Wettbewerb entwickelte sich, wenn zum Fronleichnamsfest die vier Altare im Parkgelände und auf dem Sportplatz von Brüdern, bzw. Juvenisten künstlerisch gestaltet wurden. Die Aula besaß eine kleine Bühne, auf ihr agierten klein und groß im ernsten Laien- und Schulspiel, aber ebenso gern auch in der heiteren Muse, letzteres vor allem in der Fastnachtszeit. Die herrliche Landschaft des Schwarzwaldes gab genugend Gelegenheiten zu ausgedehnten Wanderungen, das eigene Sportgelände zu Spiel und Sport. Brüder und ältere Juvenisten erwarben damals das Reichssportabzeichen. Von den fünf Übungen war nicht so sehr der 10 km-Lauf das Schreckgespenst, sondern mehr das kalte Wasser der Kirnach zum 300 m-Schwimmen.

In dem etwas rauhen Klima des Schwarzwaldes entstand eine Atmosphäre, die die Jugend in vieler Hinsicht hart forderte, die aber auch die jungen Menschen trotz der Generationsprobleme hineinnahm in die brüderliche Gemeinschaft des Mutterhauses der Provinz. Als Mutterhaus war Maria-Tann auch (von 1919 - 1966) Sitz des Br. Provinzials (Br. Philippus Niederee 1913 - 1925; Br. Roderich Zierl 1925 - 1936; 1941 - 1947; Br. Kilian Schmitt 1936 - 1941; Br. Alfons Frantz 1947 - 1954; Br. Hanno Bauer 1954 - 1966 in Illertissen: Br. Konradin Zähringer 1966 - 1978; Br. Herbert Fleig seit 1978).

Von hier aus hat er die einzelnen Brudergemeinden besucht, hier fanden Provinzratsitzungen und Provinzkapitel statt, von hier aus sind die Gründungen der Gemeinden erfolgt, hier waren die Jahresexerzitien; hier trafen die guten und die bösen Nachrichten aus den Ordensgemeinden ein. Von hier aus gingen die Bruder in ihre Gemeinden gemäß der erteilten Obedienz; so die jungen Brüder in den zwanziger Jahren in die fernöstliche Mission, die Brüder 1937 nach Chile, oder, nachdem unsere eigenen Schulen geschlossen waren, in kleineren Gruppen nach Handrup, Oberhundem, Rückers, Schurgast,

III. Sturmperiode

Die Maria-Tanner Chronik für die Zeit von 1935 bis 1945 wird überschattet und zum Teil bestimmt von dem politischen und Zeitgeschehen. Hierzu gehören: die Naziverfolgungen mit Schließung der Schule und Drosselung des Ordensnachwuchses, der RAD und die allgemeine Wehrpflicht, die Dienstverpflichtungen und die Beschlagnahme des Hauses. Durch ein Gesetz vom 01.12.1936 wurde die HJ zur Reichsjugend erklärt, und jeder deutsche Junge sollte Mitglied der HJ sein. Jedoch hatten die Nazis schon 1935 erkannt, dass die HJ in den Klosterschulen wenig Anklang fand. Daher mussten diese ausgeschaltet werden. Dies geschah durch den ersten Erlass, der den Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes verbot, ihre Kinder in klösterliche Schulen zu schicken. Somit mussten die Eltern einiger Juvenisten ihren Sohn von Maria-Tann zurücknehmen. Ein zweiter ErlaB verbot einem arbeitsfähigen „Volksgenossen” den Eintritt in ein Kloster, weil er dadurch dem Arbeitsprozess entzogen würde. In den Jahren 1937 bis 1939 wanderten 1 1/2 Dutzend Bruder nach Chile aus und entfalteten dort eine segensreiche Tätigkeit. In Chile starben: Br. Otto Thalheimer (1950), Br.. Julius Heser (1963), Br. Egbert Lauterbach (1963), Br. Liebhard Bombeck (1968), Br. Leopold Ruhl (1969) und Br. Longinus Morgen (1980).

Nachdem nun die Zahl der Juvenisten auf 148 gestiegen war, nahm sie jedes Jahr immer mehr ab; Ende 1939 waren es nur noch neun, die am 04.09.1939 ihren Heimaturlaub ohne Ruckkehr antraten: das Juvenat war somit geschlossen. Und wenn die Zahl der Scholastiker vorerst noch anstieg, so nahm auch sie bald ab, einerseits durch mangelnden Nachwuchs von Juvenat und Noviziat, andererseits durch Einberufung zum RAD oder zum Wehrdienst.

Am 16.03.1935 war durch Reichsgesetz die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden. Mit der Zeit wurden sieben Brüder von Maria-Tann zu Arbeitsstellen in Villingen oder Unterkirnach verpfichtet. Gegen Kriegsende mussten fünf Brüder zum Schanzen ins Elsaß, und kurz vor Kriegsende mussten noch vier Bruder zum Volkssturm ausrücken.

Unter den 36 gefallenen bzw. vermissten Brüdern des deutschen Distriktes gehörten zwölf der Gemeinde Maria-Tann und acht dem Scholastikat an.

Nur noch einige ältere Brüder befanden sich im Mutterhaus. Die Herren der Partei hatten sofort ein Auge darauf und beschlagnahmten Maria-Tann vorerst zu Lazarettzwecken, wozu es kaum kam, dann als Mittelstelle für Umgesiedelte. Im Jahre 1941 kamen 260 Volksdeutsche aus Siebenbürgen und im Jahre 1942 zur Ablösung 260 Slowenen; letztere blieben bis Kriegsende. Die beiden Neubauten wurden demgemäß innen umgestaltet und belegt und mußten nach Kriegsende total „ausgewanzt” werden. Die Nazi-Lagerverwaltung belegte mit der Zeit ebenfalls einen Großeil des Altbaues, so dass die alten Brüder auf engstem Raum zusammenleben mussten.

IV. Wiederaufleben und Ende

Nach dem Weggang der Slowenen, deren Zahl bis auf 500 gestiegen war, blieben zwölf Brüder in Maria-Tann.

Ordensnachwuchs gab es nicht. Daher wurde beschlossen, aus dem Bildungshaus Maria-Tann ein Privatlehrerseminar zu machen, mit dem Ziel, in vier oder fünf Jahren angehende Lehrer auf die Akademie vorzubereiten. Nach endlosen Verhandlungen durch Br. Direktor Kilian Schmitt und Br. Reinhold bei der französischen Militärregierung konnte das Seminar am 09.01.1946 eröffnet werden. In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Hitler-Systems waren Schulwesen, Lehrpläne und Stil der Erziehung stark von den Besatzungsmächten der verschiedenen Zonen, in die Deutschland aufgeteilt war, mitgeprägt. Sie versuchten mit dem Zeichen einer Reedukation über die Schule ein neues Bewusstsein der Demokratie und der Friedfertigkeit bei der jungen Generation zu verankern oder diese - wie in der kommunistischen Besatzungszone - kommunistisch zu indoktrinieren. Viel Not und Mangel herrschten überall; viele Schulhäuser waren ausgebombt. Kaum Papier, Bleistift oder Schulbücher waren zu erreichen. Viele Lehrer befanden sich in Gefangenschaft. Kennzeichnend für die geistige Situation dieser Jahre war ein Desillusionierungs-Prozess. Viele Ideale hatten sich als Betrug erwiesen; viele Erwachsene und Jugendliche hatten sich dem System unbedingt unterworfen.

Stark wurde die Gemeinschaftserziehung betont, ferner die zu demokratischer und sozialer Gesinnung, zu staatsbürgerlicher Mitveranwortung.

Allerdings gingen diese Absichtserklarungen nicht tief; es waren die alten Lehrer, die die Schüler im alten Stil unterrichteten. Vielfach schloss man sich an die Pädagogik der zwanziger Jahre an, ebenso in der Lehrerausbildung. Man greift zurück auf die Pädagogik „vom Kinde aus”. Dieses harmonische und romantisierte Bild der Volksschule gerät ab 1955 in Konflikt mit dem illusionistischen Menschenbild und den Forderungen der sich formenden technischen Massengesellschaft.

Erst nach der Währungsreform vom 20.06.1948 begann ein fast normales Leben im Schulbetrieb. Unter der tüchtigen Leitung von Br. Reinhold konnten in den acht Jahren des Bestehens des Seminars rund 80 Lehrer eine kernig christliche Erziehung von Maria-Tann mitbekommen. Br. Reinhold legte auch Wert auf Pflege des deutschen Volksbrauchtums, wie Nikolaus- und Martinifeier, Erntedank und Adventskranz-Bräuche, die im Verlaufe der folgenden Jahre allmählich wieder verloren gingen. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen uns, das Seminar nach wenigen Jahren wieder einzustellen und durch eine Aufbauschule zu ersetzen. Später wurden die Bitten des Ordinariats um Wiedereröffnung des Seminars immer dringender; aber es blieb bei der getroffenen Lösung. Mit der Umstellung auf Aufbautyp bis zur mittleren Reife hoffte man gleichzeitig, unseren zukünftigen Juvenisten helfen zu können. So wurde also an Ostern 1950 die Aufbauschule begonnen und mit ihr das Juvenat. Bis 1953 lief parallel das Seminar aus. Als man später feststellte, dass dieser Schultyp für Juvenisten äußerst ungünstig war, wurde das Juvenat im Jahre 1962 nach Illertissen verlegt. In diesen Jahren des Wechsels im Schultyp war Br. Ingbert van Appeldorn der Schulleiter und Br. Hartfried Markisch Direktor des Hauses und Verlagsleiter.

1960 wurde Br. Lambert Eck Direktor des Mutterhauses. Mit ihm begann die Renovierungsarbeit im Haus, zuerst im Bereich des Internates, später auch in anderen Bereichen. Auf seine Initiative hin wurde 1961 mit dem Bau der Turnhalle auf dem Sportgelände begonnen.

1962 wurde ein Wechsel vorgenommen: Br. Ingbert kehrte nach Illertissen zuruck, von dort wurde Br. Siegward Bonnemann nach Maria-Tann versetzt und als Direktor eingeführt. Br. Lambert Eck übernahm die Schulleitung und die Leitung des Internates. H.H. Pater Sialm SJ prägte jahrelang entscheidend als Hausgeistlicher das religiöse Leben bei den Brüdern, den Novizen und den Schülern. Für seine Verdienste wurde er vom Orden affiliert. Es war sein Wunsch, auf dem Klosterfriedhof von Maria-Tann beerdigt zu werden.

Am 14.08.1946 hatten sich die ersten Postulanten der Nachkriegszeit in Maria-Tann gemeldet. Das Noviziat lebte allmählich wieder auf. Nach Jahren jedoch fielen die Berufe aus, und so wurde im Jahre 1966 beschlossen, dass künftige Anwärter ihr Noviziat in Laubegg in Österreich machen würden. Somit war für Maria-Tann wieder mal die Zeit gekommen, dass es aufhörte, Bildungshaus für unseren Nachwuchs zu sein.

Nach den Wirren des Krieges wollten die Oberen den Ordensgeist unter den Brüdern wieder auffrischen. Im Jahre 1953 wurden elf Brüder zu einem gekürzten zweiten Noviziat eingeladen, in Form einer 30-tägigen „Geistlichen Erneuerung”.

Auch versuchte man die im Jahre 1935 zu Ende gegangenen Padagogischen Tagungen wieder aufzunehmen, zuerst im Jahre 1950 und dann zum letzten Male im Jahre 1952 in Form einer Katechetischen Tagung. Nachdem nun lange Jahre an der Beseitigung der Schäden in Maria-Tann gearbeitet worden war, konnte man endlich daran gehen, es zu verschönern. Hierbei hat sich in den letzten Jahren Br. Direktor Siegward Bonnemann besondere Verdienste erworben. Unter seiner tatkräftigen Führung entstand eine ganz moderne Turnhalle mit Mehrzweck, die am 04.03.1963 eingeweiht wurde. Auch die Kapelle bekam ein frisches Gesicht, um sich besser an die neue Liturgie anpassen zu können.

Leider stand nun der deutsche Distrikt vor dem äußerst schwierigen Problem: wie die verschiedenen Posten unserer Häuser belegen, wo doch kaum Nachwuchs vorhanden war. Ein Haus musste geschlossen werden, urn die noch vorhandenen Kräfte zu sammeln. Aus zwingenden Gründen fiel das Los der Schließung auf Maria-Tann. Und nun, im Jahre 1967, zählt die Aufbauschule Maria-Tann nur noch zwei Klassen, da der Schulbetrieb am 20.07.1967 eingestellt wurde.

Am 08.07.1968 wurde das Anwesen Maria-Tann an die Schwarzwaldschule Triberg verkauft und am 01.08.1969 siedelten die restlichen Brüder ins Seniorat nach Illertissen über. Nur die Toten blieben auf dem Friedhof zurück.

Es sind dies: Br. Felix Kirchem (1929), Br. Athimus Tuschik (1923), Br. Lambert Aue (1924), Br. Johann Klosters (1925), Br. Franziskus Duhr (1925), Br. Casimir Waltert (1930), Br. Philippus Niederee (1936), Br. Giswald Hoyer (1936), Br. Edward Reith (1936), Br. Josephus Heising (1937), Br. Matthias Hardt (1937), Br. Josef Buttner (1945), Br. Bernardinus Schaupp (1945), Br. Thomas Klein (1946), Br. Jakobus Kaschuba (1948), Br. Gottfried Hart (1951), Br. Richard Frei (1951), Br. Alfons Frantz (1954), Br. Erminold Barthelmes (1956), Br. Edgar Godde (1956), Br. Irenäus Hafa (1958), Br. Balduin Fuchs (1962), Br. Silverius Ziegenhan (1962), Br. Andreas Losse (1965), Br. Max Sudholt (1966), Br. Nikolaus Krier (1967), Br. Ansgar Kellermann (1968), Br. Wilhelm Feldmann (1968), Br. Benno Baier (1968), Br. Herann Haschke (1968); außerdem Pater Sialm (1962) und Juvenist Rommelfanger Matthias (1934).

Sie sind nicht vergessen; regelmäßig wird ihrer gedacht.

Waldfriedhof bei Maria-Tann
Waldfriedhof bei Maria-Tann. Aufnahme 2007